60 Prozent der Krankenhäuser sind finanziell in Nöten, viele davon kaum überlebensfähig – wie geht es weiter?

Nicht zuletzt angesichts des politischen Wunschs, die Zahl der Kliniken zu reduzieren, wird das auch so passieren. Die Zahl der Kliniken wird abnehmen. Denn das Gesundheitswesen ist sehr teuer. Und mit dem Krankenhauszukunftsgesetz (KHGZ) nehmen wir noch mehr Geld für die Digitalisierung in die Hand. Allerdings: Was wir dafür bekommen, ist oft nicht optimal. Da wird Einiges mit der Gießkanne verteilt und verschwendet. 

Mit anderen Worten:

Mit dem Geld, das zur Verfügung steht, könnte mehr erreicht werden.

Was könnte in den Kliniken selbst besser laufen, um gesündere Strukturen zu schaffen?

Nicht jede Klinik muss alles anbieten. Und die Digitalisierung allein ist kein Allheilmittel. Die internen Prozesse müssen besser stimmen und – wo nicht – angepasst werden, dann funktioniert es erst. Zum Beispiel sind Projekte wie ein komplett papierloses und filmloses Krankenhaus durchaus möglich. Wir haben so etwas schon umgesetzt. Man muss das allerdings von vorne und bis zu Ende denken. Insellösungen, wie sie in der Mehrzahl der Kliniken immer noch überwiegen, bremsen da nur. Viele Häuser machen eben leider nur Stückwerk. Auch beim KHGZ kaufen sich die Kliniken zum Beispiel ein Patientenportal ein und weiter geschieht nichts. Die zweitgrößte Anzahl von Anträgen (1130) entfällt zumindest darauf.

Das KHZG und die Telematik machen das Krankenhaussystem aktuell noch anfälliger. Die Kliniken haben Existenzstress, und durch die Digitalisierung müssen sie noch mehr organisieren und finanzieren. Wie kommen sie aus dem Dilemma heraus?

Das dürfte überwiegend kaum zu schaffen sein. Jedenfalls nicht kurzfristig. Denn Sie dürfen nicht vergessen: Es kommt ja auch noch der Fachkräftemangel dazu. Den Kliniken fehlen neben klinischem Personal an allen Ecken die IT-Experten, um die ganzen Anforderungen umzusetzen. Ich fürchte, es werden etliche Kliniken in den kommenden Jahren allein deshalb auf der Strecke bleiben, weil sie überhaupt nicht realisieren können, was sie beantragt haben. Ende 2024 muss das ja alles stehen. Danach gibt es keine Gelder mehr. Das ist für viele nicht zu stemmen. Dazu gesellt sich noch das Problem der Folgekosten. Die Kliniken müssen das dann aus dem Tagesgeschäft tragen. Das wird sich aber nicht von vorne bis hinten durch Synergieeffekte finanzieren lassen, zumindest nicht in dem Umfang wie von der Politik angedacht und vermutet.

Wenn Sie Arzt wären: Was würden Sie den Kliniken aufs Rezept schreiben?

Viele Variablen ändern sich gerade gravierend. Wer die Digitalisierung jetzt nicht schnell anpackt, der hat keine Zukunft. Die Krankenhäuser sollten schnellstens ihre internen Strukturen umbauen und mit eigenen Experten, die die Prozesse kennen und steuern, das Thema strategisch angehen. Zusätzlich müssen sie sich externe Unterstützung holen. Da wiederum ist das Thema Change-Management wesentlich: Es muss jemand intern den Hut aufhaben, der die Prozesse an die Anforderungen von innen und außen umsetzt. Und derjenige muss auch die Macht haben, dass eventuell gegen einen Chefarzt durchzusetzen.

Wie kann es trotz aller Widrigkeiten gelingen, die Potenziale der Digitalisierung zu nutzen, um als Klinik schneller gesund zu werden?

Patientenportale sind da durchaus hilfreich. Der dort mögliche Überblick eröffnet mehr Möglichkeiten, die Patienten besser zu behandeln und eventuell auch früher zu entlassen. Es muss aber auch rechts und links davon noch mehr geben.

Das beste Patientenportal nutzt nichts, wenn die Daten darüber, was mit dem Patienten passiert, nicht in einer digitalen Akte abgelegt werden können. Das Portal darf keine Insel bleiben, sonst nutzt es wenig.

Die Digitalisierung kann hier zusätzlich die Qualität steigern und die Prozesse verbessern. Zum Beispiel alles, was Akten und Filme anbelangt. Ein Beispiel: Das Ergebnis einer Blutentnahme in einer Klinik verfügbar zu machen, führt häufig zu Rückfragen, die Zeit und Ressourcen kosten. In einem digitalisierten System, bei dem alles, was nicht am Bildschirm zu sehen und damit auch quasi noch nicht erledigt ist, fallen diese Rückfragen weg. Würde das Ergebnis von Beginn an in einem System gespeichert, wäre viel Zeit gespart. Zusätzlich lässt sich Telemedizin und Teleradiologie als externe Dienstleistung aufbauen. Warum soll eine Befundung nicht auch aus Indien kommen? Solche Dinge stecken bei uns fast noch in den Kinderschuhen. Oder das Beispiel MRT: Der Radiologe diktiert seinen Befund auf Band und legt den in den Abholkasten. Wenn ihn dann der Arzt anruft und Fragen dazu hat, muss er die Bilder wieder hervorkramen. Bei einem digitalisierten Prozess braucht er nur auf den Bildschirm zu schauen.

Gehen die KHZG-Gelder eigentlich an die Richtigen – wie groß ist die Gefahr, dass sie an Kliniken gehen, die letztendlich der Pleite geweiht sind?

Das kann niemand ausschließen. Erst mal springen alle Kliniken auf die Fördertöpfe. Leider läuft neben dem KHZG oft kein anderes IT-Projekt, es wird nichts außerhalb dessen angefasst. Das ist fatal und vergrößert langfristig bei einigen die Not noch zusätzlich. Und ob es irgendwann noch mehr Geld von Bundesministerium für Gesundheit gibt, ist fraglich. Gleichzeitig gibt es für so manches Krankenhaus demnächst noch mehr Reform-Druck: So hat SAP das Krankenhausinformationssystem ISH (und damit ist auch ISHmed betroffen) abgekündigt für 2027. Danach gibt es keine Updates mehr. Das kommt zur Unzeit für viele große Kliniken, die das überwiegend einsetzen. Die Krankenhäuser müssen sich schon jetzt nach Ersatz umschauen.

Zukunft Krankenhaus

Drohen die Kliniken nicht, zerrieben zu werden angesichts zahlreicher Partikularinteressen der am Gesundheitssystem beteiligten Gruppen?

Wir haben ein Gesundheitssystem, das sehr krank ist, weil es sich seit Jahrzehnten nicht an die veränderte Umgebung angepasst hat. Zum Beispiel die demografische Altersstruktur, aber auch die medizinischen Möglichkeiten, die sehr teuer sind. Ein MRT kostet ja eine viertel bis eine halbe Million Euro. Da wird dann untersucht von vorne bis hinten, koste es was es wolle. Dazu kommen die vernachlässigten Klinikstrukturen und dann gibt es noch die Bremser in den Ärzteverbänden, den gemeinsamen Bundessauschuss, die Kassen, die Länder- und Bundesverbände, die Landesregierungen, die auf ihre Kompetenzen bei der Krankenhausplanung pochen, Landräte, die auf keinen Fall Krankenhäuser schließen möchten: Jeder hat seine eigenen Interessen und da steht oft nicht das Gesamtergebnis für das Gesundheitswesen im Vordergrund.

Führt denn überhaupt ein Weg aus diesem Dschungel heraus?

Es gibt ja durchaus schon den einen oder anderen vernünftigen Ansatz: Die geplante Aufweichung der Sektorengrenzen in stationär, hybrid und ambulant wird mit Sicherheit organisatorische Veränderungen in den Krankenhäusern nach sich ziehen. Der Kostendruck wird weiterhin Veränderungen bedingen. Die geplante Dreiteilung in Häuser der Grundversorgung, Regel- und Schwerpunktversorgung und Maximalversorgung wird zu weiterer Spezialisierung und Klinikzusammenschlüssen führen. Nicht jedes Krankenhaus kann und soll sich – schon aus Kostengründen – alle Fachdisziplinen leisten. Der Austausch der medizinischen Leistungen im Verbund wird eine Notwendigkeit werden. Es ist zu erwarten, dass telemedizinische Dienstleistungen ausgebaut werden müssen, um die Versorgung in der Fläche zu gewährleisten. Ansätze wie „Helios C4U2BE“ weisen einen Weg zur flächendeckenden Grundversorgung. Dienste wie zum Beispiel die Befundung von radiologischen oder pathologischen Bildern werden, wie schon skizziert, dorthin ausgelagert, wo sie preiswerter und mit besserer Qualität erfolgen.

Zum Thema Verbund:  Ist die IT dafür schon installiert – beziehungsweise wie sollte die IT dafür schon jetzt ausgerichtet werden?

Momentan wird das überwiegend noch durch Datenschutzanforderungen behindert, da lassen sich Daten nicht ohne Weiteres von einer Klinik zu anderen verschieben. Es gibt zwar technische Strukturen, die das ermöglichen, der Datenaustausch funktioniert dabei z.B. auf Basis von IHE Profilen. Die gesetzlichen Hürden sind aber noch hoch. Letztendlich ließen sich aber auch Hausärzte und ambulante Zentren einbinden. Eine solche „Integrated Healthcare Enterprise“ funktioniert in den USA schon, ist aber auch nicht billig. Und man schließt die Niedergelassenen dort eher aus. Die Krankenhaus-IT sollte jedenfalls für das Krankenhausinformationssystem darauf vorbereitet sein. Denn wer das heute nicht einführt, wird morgen Schwierigkeiten haben, sich anderswo anbinden zu können.

Auch das „make or buy“ kommt da ja auf: Welche und wie viele interne IT-Dienstleistungen sollten Kliniken künftig noch behalten?

Man braucht immer jemanden, die die Prozesse kennt, versteht und nach außen kommuniziert. Ich bin schon lange ein Verfechter, dass IT nicht im Krankenhaus gehostet werden muss. Eine komplette IT-Landschaft mit einem abgesicherten Rechenzentrum ist nicht mehr nötig und lässt sich outsourcen. Da müssen die rechtlichen Hürden aber noch mehr aufgeweicht werden Richtung Cloud-Nutzung, da kommt man nicht drumherum. Ein großes Rechenzentrum kann mehr Dienstleitungen vorhalten als ein 400-Betten-Haus auf dem Land, zum Beispiel professionelles Personal, Security und schnellere Anpassung an aktuelle Zustände und Technologien. Die sind dann am Ende auch preiswerter. Dazu braucht es aber auch schnellere Leitungen mit mehr Bandbreite. Das wiederum fehlt auf dem Land des Öfteren.

Wie lösen die Kliniken das Spannungsfeld zwischen der Notwendigkeit für mehr Resilienz versus der erforderlichen Komprimierung?

Es wäre wichtig, in den Regionen besser abzusprechen, welche Abteilung in welcher Klinik vorgehalten werden sollte – je nachdem, wer die größere Spezialisierung hat. Denn man wird sich spezialisieren müssen, um überlebensfähig zu bleiben – und dazu gehört dann die Absprache. Der eine hat den besseren Kardiologen, der andere den besseren Orthopäden.

Ein koordiniertes Vorgehen scheitert hier aber teilweise noch an den Vergütungen, denn jeder schielt nach den besseren Vergütungen.

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